• Ira

Statement zu der Anschlagsdrohung in einem Bekennerbrief durch den ukrainischen Untergrund wegen der




Ist dieser Krieg inzwischen eine falsche Dichotomie? Besser: wird er in den Medien und großen Teilen der Öffentlichkeit so verhandelt, gespielt? Darf ich diese Gedanken denken, sogar niederschreiben?

Wie kann es sein, dass eine künstlerische Performance, die sich dezidiert Feminismus, Queerness, Anti-Patriarchat auf die Fahne schreibt, eine solche Reaktion hervorruft: die Drohung, einen Anschlag auf die Spielstätte oder jedweden Ort, der diesem piece of art Raum gibt, zu verüben; alle an diesem kulturellen Akt Beteiligten in Zukunft zu verfolgen?

Lassen wir beiseite, dass es sich um einen Angriff aus meinem persönlichen Umfeld handelte, generiert aus Irritation und basalem reaktiven Selbstdarstellungsbedürfnis, Symptom der zeitgenössischen Volkskrankheit, dem Mangel an Bereitschaft sich mit Inhalten auseinanderzusetzen, oder/und schlicht der Unfähigkeit zu denken. Dieses Gebrechen schreibe ich fehlender Bildung zu. Bildung im Sinne einer praktizierten grundlegenden Denk- und Fühlfähigkeit. Dieser Mangel wiederum ist Ergebnis der hochnotpeinlichen Politiken einer neoliberalen Gesellschaft, deren letzte Konstante, ein wirklich trügerischer Rettungsring, ökonomischer Zugewinn darstellt. Vermögensanhäufung scheint der verbleibend verifizierbare Maßstab jedes Lebenssinns und Legitimation des Seins.

Zu den Angreifer:innen: haben sie gelesen, um was es geht? Oder haben sie nur gelesen: Putin? Gut, machen wir uns die Mühe. Schließen wir alles ein. Könnten sie zu der Spezies der internationalen Wutbürger:innen gehören, die schafsähnlich ein Reizwort hören und anfangen zu blöken? Möglich. Könnten sie zu den Besorgten gehören, die sich gut fühlen, ja geil, weil sie zur richtigen Seite gehören? Die in dieser Empörung, dass ein Thema künstlerisch behandelt wird, das ihres Erachtens nach nur dichotomisch verhandelt sein darf, Erlösung von der Frustration erfahren, die sie ob ihrer eigenen Ohnmacht empfinden? Einer Ohnmacht, die keineswegs nur mit diesem Krieg zu tun hat, sondern mit ihrem anstrengenden, verunsichernden, leeren Leben? Oder ist es tatsächlich eine der zwei ukrainischen Hooligan-Trupps, die sich „ukrainischer Untergrund“ labeln, und sich weniger mit Politik als mit Waffen, Autos, Frauen, Martial Arts beschäftigen und sich durch eine Vorliebe für Nazi-Tattoos auszeichnen? Allein diese Erwägungen evozieren ein äußerst armseliges Bild zum Zustand von Gesellschaften, die so etwas hervorbringen. Helft mir. Nennt mir einen gute Grund für einen solche Angriff. In dem Schreiben wird impliziert, dass die Protagonist:innen und Ermöglicher:innen dieser Veranstaltung aus Eitelkeit handeln, und dass es ihnen an Empathie für das Leiden des ukrainischen Volkes mangelte. Ich kann nachvollzeihen, wenn manche Ukrainer:innen denken, dass es besser ist, Putin überhaupt nicht zu thematisieren oder wenn , dann als stereotype Karikatur abzubilden, ihm jegliches Menschsein abzusprechen, kann verstehen, dass ihn in einen künstlerischen Kontext zu setzen, als Realitätsverschiebung empfunden werden könnte. Hey, hier tobt ein Krieg, hier sterben Menschen, unsere Kinder, und ihr setzt euch nett in einem geschützten Raum mit dem Verursacher dieses Krieges auseinander?

Ich muss dieser Beschränkung nicht folgen. Und darf auch folgende Frage stellen: eine künstlerische, radikale Auseinandersetzung mit einer Figur, die in all ihren monströsen, und wurmartigen Abgründen erforscht wird, verstößt moralisch gegen den von einer Gruppe, die sich selbst zur Stimme eines Volkes erhebt, subjektiv definierten guten Geschmack, während dieselbe Gruppe – das ist anzunehmen – nichts dagegen hat, dass ein Präsident sich, während sein Volk leidet und stirbt, gemeinsam mit seiner stylischen Gattin, die auf den unterschiedlichsten Plattformen mit einem geschüttelten Maß an Empörung, ja im Bewusstsein eines superioren, nicht in Frage zu stellenden Entitlements von der Weltgemeinschaft einfordert, Opfer für den Kampf des ukrainischen Volkes zu bringen, in der Vogue ablichten lässt? Erneut, bedenken wir alles. Es ist Krieg. Dieser Krieg wird mit anderen Waffen gekämpft als alle Kriege, die tatsächlich vom breiteren nordwestlich weißen Bewusstsein bis dato rezipiert worden sind. Medien generieren Aufmerksamkeit. Mit dem Hochglanzmagazin Vogue, Symbol für Luxus, das sich allerdings auch die:der Bürger:in, die:der inzwischen von einem in diesem Blatt repräsentierten Leben nicht mal träumen darf, ab und zu leisten kann, dringt die Message in Lebenswelten von gesellschaftlichen Gruppierungen ein, und zwar als pari, die sonst nicht auf diese Weise von jenem Krieg berührt würden. Gleichzeitig wird vehement geschraubt am Ethos der medialen Rezeption. Die Vogue ist nicht Tik-Tok. Oder halt: vielleicht doch. Und ich sage nicht mal, dass das nicht in Ordnung wäre. Ich pflege hier keinen Konservatismus, keine Sentimentalität eines „Früher war es besser“. Wenn die Grenzen eines „Was geht – was geht nicht“ so in gesellschaftlichem Einvernehmen in Bezug auf die Art und Weise und den Träger, das Fahrzeug, aufgehoben werden, werden wir zurückgeworfen auf eine uns innewohnende integre Beurteilungsfähigkeit. Ich frage: existiert diese in unserer durch Angst geleiteten Leistungsgesellschaft? Frage weiter: wird nicht genau dieses Urteilsvermögen ein weiteres Stückchen aufgeweicht durch Ereignisse wie diese Vogue-Foto-Strecke? Oder war das kein Ereignis, sondern ist eine Praktik? Gezielt eingesetzt? Der brutale Krieg dringt sauber ein in die Welt der Gesättigten, der schönen Bilder, in der man zu einer gepflegten Frau in nicem cremefarbenem Outfit, einer Unsrigen, dann leicht relaten kann. Und ihren Ehegatten, niedlich anzusehen, schon bisschen gefährlich, scheinbar einem Computer Spiel entsprungen im ewig gleichen militarygrünen T-Shirt, nimmt man dann auch noch mit. Einer von uns. Gleiche Religion, gleiche Lebenswelt. Diese Lebenswelt kann bedroht werden? Müssen wir Angst haben, uns schützen? Kann nur er uns schützen und müssen wir ihn mit allen Mitteln unterstützen? Auch wenn er die Korruptionsgeschichte seines Staates mitgeschrieben hat. Egal. Machen doch eh alle. Und wenn wir dann in den Nachrichten der Öffentlich-Rechtlichen 19jährige ukrainische Cracks in Uniformen geniale Drohnen basteln sehen, am besten mit der richtigen Mucke unterlegt, passt das perfekt. Welcome in der schönen neuen Welt, in die der Präsident der Ukraine als Radames, sorry, der ist ja nicht weiß, also besser: Boris Godunow, unter dem Harnisch des ewiggrünen T-Shirt, das Solidarität mit seinen Kämpfern beschwört, einziehen wird. Wo ist die Grenze? Wer entscheidet über die Legitimität der Mittel? Über was kann oder muss hinweggewischt werden? Welche hochbeschworene abendländische aufgeklärte Integrität wird hier noch angerufen? Gibt es hier zweierlei Maß? Oder weht uns gar Bigotterie an? Bei mir bleibt ein Unwohlsein am Ende des Tages. Alles, was hier geschrieben wurde, stellt nicht in Frage, dass Putin, noch Präsident Russlands, die Ukraine in einem grausamen Angriffskrieg überfällt, dass Putin, wie er schon an anderen mannigfaltigen Kriegsschauplätzen bewiesen hat, als monströses Ungeheuer-Konstrukt agiert, das keinerlei Vision von einer Co-Existenz in einer zukünftigen, besseren Welt zulässt. Ich habe – wie wohl anscheinend auch die in permanentem Reaktionismus befangenen Entscheider:innen, anders ließe sich diese medial bewusst gepflegte falsche Dichotomie nicht erklären, keine Ahnung, was gerade wirklich passiert. Aber es bleibt mir das Empfinden, dass dieser Krieg weit über das Entsetzliche, das wir mitbekommen, hinausgeht, dass Kräfte und Interessen wirken, die nicht mehr kontrollierbar sind, basierend auf historischen, politischen, ökonomischen Grundlagen und Bewegungen, die nur noch mit äußerster Sorgfalt zu erforschen und zu denken sind. Genau diesem Anspruch können wir uns nicht entziehen, wenn wir morgen nicht in Horrorbarbiedarkvaderland sondern in einer von wachen, handlungsfähigen Bürger:innen gestalteten Demokratie aufwachen wollen.


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Ira Blazejewska Musikerin

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