• Ira

Über den Song Optimal

Lasst uns mal so richtig fett hassen. Ich versichere euch der kathartischen Wirkung. Nein, nicht euch selbst. Diesmal nicht. Sondern lasst uns die Selbstoptimierung verdammen. Sie ist die Geißel der Menschheit. Sie ist das perfide Instrument der postfordianischen Gesellschaft, das wir unausgelassen gegen uns selbst richten. Scheinbar freiwillig versklaven wir uns, betäubt und willenlos gemacht durch Erfordernisse einer angeblichen Selbstverantwortung und Freiheit. Das Mantra „Selber schuld“ willenlos repetierend. Ein Bullshit von Freiheit ist die uns hämisch als Geschenk präsentierte bürgerliche Eigenverantwortung. Sie ist die Ausrede von Wirkkräften, denen es nur um Selbstbereicherung und Erhaltung eines Systems geht, das ihnen diese sinnentleerte Selbstbereicherung und Machtanhäufung ermöglicht. Sie macht uns krank. Den Einzelnen und die Gesellschaft. Sie ist unsexy und am Ende des Tages freudlos. Sie riecht nach Verzweiflung. Keine Sorge, ihr bekommt jetzt keine Verschwörungstheorien geliefert. Denn die Gesellschaft sind wir. Und sie funktioniert komplex. Wir machen uns lächerlich, wenn wir versuchen, immer gesünder zu werden, um besser zu funktionieren, effektiver im Hamsterrad zu rennen, das sich immer schneller dreht, längst zu einem Selbstläufer geworden ist. Es ist beschämend, unsere Sorgen wegzuatmen, um besser das System bedienen zu können. Wir fühlen die Beschämung in unseren schlaflosen Nächten. In denen die Angst sich groß aufbläht. Diese Angst, die uns steuert. Angst, zu versagen. Angst rauszufallen. Aus was? Hm, vielleicht aus dem Hamsterrad? Nicht, dass etwas dagegenspräche, gesund und in bester Balance zu leben. Wenn wir das für uns machen. Und für die liebe Erde, die uns ernährt. Und für die Menschen in unserer Umgebung, zu denen wir dann vielleicht etwas netter sind. Weil wir zu uns netter sind. Und hin und wieder, oder auch öfters, sollten wir vehement drauf scheißen. In vollem Bewusstsein unseres ureigenen Willens. Unserer Macht.


Optimal!


Die Frau fährt durch die Stadt.

Sie hat das Leben satt.

Sie will sich nicht mehr schminken,

beim Rechtsabbiegen blinken.

Den Scheißprosecco trinken,

im Überfluss ertrinken – um


reinzupassen, Chancen fassen,

gute Momente abzupassen

und endlich nur noch

hassen, hassen, hassen


Der Mann geht durch die Stadt,

er hat das Leben satt.

Er will nicht mehr trainieren,

die Faltencreme verschmieren,

sich freuen an Designerbieren

und Mitleid heucheln mit den Tieren – um


reinzupassen...


Der Hund trabt durch die Stadt,

er hat das Leben satt,

will wieder richtig bellen,

sich wetzen an den Schwellen, in

Ruhe kacken bis die

Beutel überquellen – um nicht mehr


reinzupassen....


Das Kind läuft durch die Stadt.

Es hat das Leben satt.

Grundsätzlich und von Anfang an,

weil’s da schon völlig falsch begann

mit blödem Optimierungszwang

bereits im Bauch der Mutter.

Dann kam veganes Futter,

es musst sich informieren,

die Triebe korrigieren,

sein Stammhirn amputieren,

performen, intregieren,

zum Arschloch transformieren – um


reinzupassen, Chancen fassen,

gute Momente abzupassen

und endlich nur noch

hassen, hassen, hassen,

hassen, hassen, hassen,

hassen, hassen, hassen,

hassen, hassen.


Ira Blazejewska






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Ira Blazejewska Musikerin

IRA BŁAŻEJEWSKA

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